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Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
Galerie-Bild

Bild des Monats Juni 2011:
Die Ostentation des Glaubens als Instrument der Propaganda. Illuminierte Miniatur aus der Historia Compostellana (Anfang 13. Jh.)

Die goldhinterlegte Miniatur öffnet den Blick in einen von einem ewigen Licht erleuchteten Raum, der von drei Sarkophagen im Vordergrund dominiert wird. Weihrauchschwenkend weist ein Engel auf den mittleren, erhabenen Sarg. Ein an Mitra und Stab erkennbarer Bischof im Ornat beobachtet die Szene. Aufgrund der Bild-Text-Relation ist davon auszugehen, dass hier Diego Gelmírez, der Bischof Santiago de Compostelas, dargestellt ist. Die Miniatur verweist auf die Gründungslegende des Bischofssitzes, die durch die Autorität des Bischofs, welcher der Szene quasi als Augenzeuge beiwohnt, bezeugt wird.
Besagte Gründungslegende hat ihren Ursprung in der Überführung der Überreste des Heiligen zu seiner angeblich endgültigen Grablege: Göttlicher Eingriff habe den Körper des heiligen Jakobus nach Spanien gebracht, so berichten verschiedene Quellen. Die Historia Compostellana schildert die Auffindung des Apostelgrabes zu Beginn des neunten Jahrhunderts äusserst detailliert: Einige Männer grosser Autorität berichteten dem damaligen Bischof von Iria von unerklärlichen Lichtern des Nachts im Wald, begleitet von Engelserscheinungen. Der Bischof entdeckte an der genannten Stelle die verborgene, marmorne Grabstätte des heiligen Jakobus. Gott dankend eilte er zum König, welcher zu Ehren des eben aufgefundenen Apostels den Bischofsitz von Iria nach Compostela verlegen liess. Dass diese Legende ausgerechnet in der Historia Compostellana, einer der historischen Hauptquellen der Iberischen Halbinsel jener Zeit, ausführlich geschildert wird, überrascht kaum: Als Chartularchronik konzipiert, beinhaltet sie unter anderem Papsturkunden, Mandate und Kardinalsschreiben. Wurde sie zu Beginn noch als reines registrum geführt, so entwickelte sich die Chronik zu einem eigentlichen Tatenbericht, welcher die Erhöhung seines Auftraggebers, Diego Gelmírez, Bischof und späterer Erzbischof Compostelas zum Inhalt hat. Folglich dient die Historia als eigentliches Propagandamittel der Absicherung der herausragenden Stellung des Erzbistums Compostela, das schliesslich den Metropolitanstatus erringt. Begründet und verfechtet wird dieser Anspruch mit dem Verweis auf die – durchaus zweifelhafte – Apostolizität des Sitzes, ostentativ dargestellt in der einzigen narrativen Miniatur der erhaltenen Abschrift, die oben abgebildet ist. In der Förderung des Heiligenkultes durch Diego Gelmírez darf durchaus ein geschickter politischer und kirchlicher Schachzug gesehen werden, zumal Compostela noch kurz zuvor Gefahr lief, als Diözese im Rahmen der kirchlichen Neuorganisation der Iberischen Halbinsel abgeschafft zu werden.
Aus den Ausführungen mag deutlich werden, dass die Zurschaustellung des angeblichen Apostelgrabes nicht nur einen religiösen Verweis darstellt, sondern vielmehr die Fundierung eines Programms zum Erhalt und zur Sicherung einer erreichten Machtposition. Wobei dem Politiker Gelmírez das Kunststück gelang, darüberhinaus das Fundament einer einmaligen Erfolgsgeschichte zu legen. Santiago de Compostela sollte durch seine Geschicke zum grossen apostolischen Gegenpol zu Rom avancieren.

Manuel Cecilia