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Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
Galerie-Bild

Bild des Monats Februar 2012:
Die Mystikerin – Mittlerin zwischen Gott und Welt


Das zu Anfang des 18. Jahrhunderts entstandene Ölgemälde inszeniert die dominikanische Ordensschwester als Vermittlerin zwischen Transzendenz und Immanenz. Der anonyme Künstler hat offenbar Eindrücke ins Bild gesetzt, die er aus der Lektüre zweier spätmittelalterlicher Schriftquellen, die vom Leben Margaretas und ihrer innigen Beziehung zu Gott zeugen, gewonnen hat. Ihren «Offenbarungen» (2. Hälfte 14. Jh.; erste Drucke ab 1688), welche als mystische Biographie die Verbundenheit der Nonne mit Gott dokumentieren, sind verschiedene Elemente entnommen und in das Gemälde integriert, so z.B. die zum Gegenstand gewordene Passionsfrömmigkeit Margaretas. Sie ist in ihrem Schriftwerk dominierendes Thema und wird hier durch das Kruzifix repräsentiert, das von einem der Engel als Attribut Margaretas getragen wird. Die eindeutigste Referenz auf Margareta und ihre «Offenbarungen» stellt das Jesuskind auf dem Schoß der Gottesmutter dar. Dieses ist einer Christkindfigur nachempfunden, die Margareta geschenkt bekam und wie ihr leibhaftiges Kind behandelte – und die noch heute im Kloster Maria Medingen erhalten ist. Des Weiteren bezog der Künstler seine bildgebenden Ideen wohl aus den an Margareta gerichteten «Briefen» Heinrichs von Nördlingen, ihres Beichtvaters. Denn diese zeugen von der Mittlerrolle, welche die Nonne bereits zu Lebzeiten eingenommen hat und die in diesem Gemälde in der Anordnung der Figuren sowie der Weiterleitung des Lichts ihren bildhaften Ausdruck findet.

Die selige Margareta befindet sich ähnlich den Engeln in einem Zwischenbereich. Sie ist weder vollständig Teil der Dunkelheit, die das Klostergebäude am unteren Bildrand umgibt, noch ist sie gänzlich in das gleißende Licht aufgenommen, das um die Gottesmutter erstrahlt. Die Ordensschwester scheint vielmehr, von einer Wolke getragen, in die Nähe der Helligkeit gerückt, welche die obere linke Ecke des Gemäldes dominiert. Während an den unterschiedlich farbigen Engeln deutlich wird, dass diese sowohl im Licht- als auch im Schattenbereich, d.h. im Jenseits wie im Diesseits verkehren und somit zu Mittlern werden können, ist die besondere Rolle Margaretas als Vermittlerin vielfältiger gestaltet: Nicht allein ihre Position in der Mitte zwischen den beiden Repräsentanten verschiedener Welten deutet auf dieses Potential hin. Ihre Rolle als Medium wird durch weitere Zeichen verdeutlicht: Zum einen signalisiert ihr Strahlenkranz als Kennzeichnung einer Seligen ihre besondere Nähe zu Gott, von der sie Zeugnis ablegen und an der sie andere Menschen teilhaben lassen kann. Zum anderen wirkt sie wie ein Spiegel für den Lichtstrahl, der aus der Brust in Höhe des Herzens der Gottesmutter austritt und über die Schwester zum Kloster geleitet wird, so dass über das Licht und die Schwester eine wahrhaftige Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits hergestellt wird.

Dass die Gottesmutter Spenderin des Lichts ist, legt die Haltung ihrer rechten Hand nahe. Diese nämlich scheint die Richtung des Strahls vorzugeben, der wiederum durch die geöffnete und gleichsam empfangende Rechte der Nonne angenommen wird. Jener Strahl findet Aufnahme in ihrem Herzen und vermag dieses zu entflammen, so dass auch sie mit brennendem Herzen als Zeichen ihrer Gottesliebe selbst zur Lichtsenderin wird. Wie der Zeigegestus ihrer linken Hand verdeutlicht, ist Margaretas Adressat das Kloster, welches sie als Mittlerin des göttlichen Lichts erhellen kann.


Die selige Margareta Ebner über dem Kloster Maria Medingen;
Ölgemälde, Anfang 18. Jh., Aufbewahrungsort Kloster Maria Medingen


Daniela Fuhrmann