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Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
Galerie-Bild

Bild des Monats November 2013:
Die Übertragung christlicher Symbolik auf fremde Riten

Was macht der Bischof in Tibet? Die Szene aus dem Livre des Merveilles (1410) veran- schaulicht einen für europäische Betrachter fremdartig anmutenden Bestattungsritus in Tibet, wie er von Johann von Mandeville in seiner (fiktionalen) Reisebeschreibung erzählt wird.
Die rechte Bildhälfte illustriert den Ritus, bei welchem der aufgebahrte Körper des Ver- storbenen mit einem Beil zerteilt und an Vögel verfüttert wird. Diese fressen die Teile des Leichnams und tragen sie mit sich fort. Der zugehörige Text erläutert, dass die Vögel – engelsgleich – den Verstorbenen in das Paradies tragen. Um die Transzendenzvor- stellung des fremden Volkes zu verdeutlichen, bedient sich der Erzähler im Text eines Vergleichs: Er erklärt, dass die Tibeter behaupteten, die Engel Gottes würden herab- kommen und den Toten ins Paradies führen, so wie «hier», also im christlich-europä- ischen Bereich, die Priester das Subvenite sancti dei zur Empfehlung der Seele an Gott sängen. Über diesen Vergleich findet eine Übertragung eigener Transzendenzkonzepte in den Raum der Fremde, auf den fremden Ritus statt. Im Gegensatz jedoch zum Text, der beschreibt, dass es (fremde) Priester und Mönche seien, die diesen Ritus praktizieren, zeigt das Bild an ihrer Stelle profan gekleidete Figuren. Beide sind mit Turban, Hut und Bärten deutlich als Orientalen dargestellt.
Der Aktivität in der rechten Bildhälfte und der dort ins Bild gesetzten kulturellen Fremdheit steht die beobachtende Gruppe in der linken Bildhälfte gegenüber. Was im Text sprachlich über den Vergleich mit einem christlich-liturgischen Ritus geschieht, wird im Bild über den Einsatz von visuellem Vokabular bewirkt: Die drei Figuren sind deutlich als christliche Geistliche gezeichnet, von denen die mittlere vor allem über die Mitra und das kostbare Gewand als Bischof erkennbar ist. Der Künstler bediente sich einer konventionellen christlichen Bildsprache, um die Figurengruppe als Geistliche kenntlich zu machen, obwohl dem Text zufolge keine Christen in der Episode vorkommen.
Erst durch das Einbringen von religiösen Figuren in die Szene und deren Kenntlich- machung durch christlich-religiöse Symbole ist die dargestellte Handlung überhaupt als religiöse, als Ritual vermittelbar. Gleichzeitig repräsentieren die drei Figuren auch den christlichen Blick auf das fremde Ritual. Dieser vorgeprägte Blick ist sowohl der tex- tuellen als auch der bildlichen Darstellung nicht-christlicher Rituale immer implizit.


Christina Henss