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Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
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Bild des Monats Februar 2015:

Ethnographische Aufnahme und Familienfoto. Eine Fotografiegeschichte aus Tansania


Historische Fotografien aus der deutschen und englischen Kolonialzeit (1884 – 1961) werden heute in Tansania wieder verwendet, wobei sich aber oft ihre Bedeutung verändert: Ethnographische Typenaufnahmen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert als Grundlage anthropometrischer Körpervermessungen und für rassenkundliche Studien verwendet wurden, erinnern heute an die Helden des antikolonialen Widerstands; Aufnahmen, mit denen in der kolonialrevisionistischen Bewegung der 1930er Jahre um die Rückgewinnung der ehemaligen deutschen Kolonien geworben wurde, veranschaulichen nun in tansanischen Museen und Schulbüchern die Geschichte des Landes; und Fotografien von Sklaven und Kettengefangenen, aufgenommen und zirkuliert zur Abschreckung und Propaganda, werden heute zu historischen Quellen in wissenschaftlichen Arbeiten.

Historische Fotografien finden sich aber auch in privaten Haushalten. Unabhängig von ihrem Entstehungskontext dienen sie der Erinnerung an verstorbene Vorfahren und an die Geschichte der Familie. So auch die hier gezeigte Gruppenfotografie: Die Nachfahren der Abgebildeten überliefern ausgehend von dieser Fotografie die Geschichte ihrer Familie und erklären die politische Stellung ihres Grossvaters sowie die Verwandtschaftsbeziehungen der abgebildeten Personen.

Entstanden ist die Aufnahme in den 1930er Jahren im Rahmen eines ethnographischen Forschungsprojekts in der heutigen Njombe Region. Das Ehepaar Culwick dokumentierte ihre mehrjährige Feldforschung über die «Ubena of the Rivers» auch fotografisch. Die hier gezeigte Fotografie illustriert in der publizierten Studie die Beschreibung der Familienstruktur und die Kindererziehung der Bena.

Einer der Nachkommen der Abgebildeten, selbst Besitzer eines Fotostudios im ländlichen Südwesten Tansanias, entdeckte die Aufnahme in Culwicks Buch, fotografierte sie ab und machte neue Abzüge. Mit der Reproduktion auf Fotopapier führte er die Fotografie in eine frühere Erscheinungsform zurück und löste sie zugleich aus dem Präsentationsrahmen, der die Fotografie in der ethnografischen Studie umgibt. Dabei wechselte die Fotografie zugleich von der öffentlichen in die private Sphäre. In einem schönen Umschlag aufbewahrt, wirkt der Schwarz-Weiss-Abzug nun intim und familiär.

Fotografien aus der Kolonialzeit zirkulieren im Laufe der Zeit in verschiedenen geografischen Räumen und medialen Erscheinungsformen. In den veränderten Kontexten werden sie mit neuer Bedeutung aufgeladen und in vielfältiger Weise verwendet. Das Beispiel zeigt, wie Tansanierinnen und Tansanier sich historische Fotografien aneignen, umdeuten und mit ihnen ihre eigenen Geschichten erzählen.


Fotograf: A.T. Culwick, Tanganyika, vor 1935.
Publiziert in: A.T. & G.M. Culwick: Ubena of the Rivers, London 1935, S. 336. Bildlegende: «The Chief's Wives and Children»



Eliane Kurmann