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Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
Galerie-Bild

Bild des Monats Januar 2010:
Weltkarte in der «Schedelschen Weltchronik» (1493)

Eines der berühmtesten Bücher aus der Frühzeit des Buchdruckes ist der «Liber cronicarum» des Hartmann Schedel, besser bekannt als «Schedelsche Weltchronik». Vornehmlich gestützt auf ältere, in seiner umfangreichen Bibliothek vorhandene Chroniken erzählt der Nürnberger Stadtarzt die gesamte Weltgeschichte nach, von der Schöpfung bis zur Gegenwart und mit einem Ausblick auf das kommende Jüngste Gericht. Einzigartig machen Schedels Werk jedoch die mehr als 1800 prachtvollen Holzschnitte. Unter ihnen findet sich auch die hier gezeigte Weltkarte. Die Holzschnittkarte vermittelt den Eindruck zeitgemäss zu sein, denn sie rezipiert das Weltbild des griechischen Gelehrten Ptolemäus (2. Jh.), dessen geographische Schriften bei den Humanisten sehr in Mode waren. Sie ist aber gleichzeitig Ausdruck älterer Traditionen des Wissens über die Welt. So kennzeichnet wie in mittelalterlichen T-O-Karten Jerusalem den Mittelpunkt der Karte. Bei den diese haltenden Randfiguren handelt es sich um die drei Söhne Noahs, deren Nachfahren der Bibel zufolge die drei Kontinente Europa, Asien und Afrika bevölkern. Mittelalterlichen Kartenkonventionen folgend vermittelt Schedel auf diese Weise die Einbettung der physischen Welt in die christliche Heilsgeschichte, und nicht zufällig steht denn auch die Karte an der Stelle im Text, wo von der Sintflut und ihren Folgen erzählt wird. Daneben werden weitere ältere Wissensbestände mit den neuen kartographischen Darstellungsformen verschränkt: die Randleiste links zeigt wundersame Völker – Menschen mit sechs Armen, Kentauren, Kranichhälse – die Schedel an derselben Stelle in einem Exkurs beschreibt. Als Gewährspersonen dienen ihm der antike Naturhistoriker Plinius, der Kirchenvater Augustinus und andere Gelehrte, die für die Existenz solcher Völker an den Welträndern bürgen. So erhält das ‹moderne› Weltbild des Ptolemäus seinen Platz ganz selbstverständlich inmitten von Heilsgeschichte und Mirabilia, wie sie die mittelalterlichen Weltkarten präsentieren.

Stefan Fuchs