NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
X. Ostentation
X.3. The Art of the Display

Das Teilprojekt setzt sich zum Ziel, den grundlegenden Zeige- und Schaucharakter von Kunst und Architektur historisch und in ihrem Wechselverhältnis zu erkunden. Das Display ist eine Kulturtechnik des Zeigens und Ausstellens, die für die Visualität von Kunst und Architektur konstitutiv ist. Im Spannungsfeld gegenseitiger Abhängigkeit und Potenzierung von raumgreifendem, ausgestelltem Kunstwerk und bildhafter, zeigender Architektur geraten ästhetische Phänomene in den Blick, die im intermedialen Zwischenraum stattfinden. Damit trägt das Modul zu einem räumlichen und multimedialen Verständnis der Ostentation bei.
Am Beispiel der norditalienischen Malerei des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts wird insbesondere der Frage nachgegangen, welche ästhetischen, sinnstiftenden und selbstreferenziellen Funktionen einerseits innerbildlich gerahmte Landschaftsausblicke sowie andererseits Darstellungen von Landschaften als Rahmungen des Sujets aufweisen. Ein anderer Akzent liegt auf dem ostentativen Charakter von Ausstellungsinstallationen im frühen 20. Jahrhundert, den Schnittstellen von Kunst und Architektur und dem multimedialen Experimentieren mit Narrativen des Zeigens.


Dissertationsprojekt Nadine Helm

Sehen und Erleben – Das Museum als Kulturtechnik. Zur Bildlichkeit von Ausstellungsarchitekturen im frühen 20. Jahrhundert

In der Zeit um 1900 wird das Museum als Institution und Medium nationaler Identitätsstiftung zum Feld fundamentaler Reformschübe. Daran angebunden nimmt die Bedeutung multisensorischer Objekterfahrung durch einen interaktiven Ausstellungsbesucher zu. Dessen Betrachterrolle wird zwischen den Vektoren passiver Informationsrezeption und der aktiven Produktion und somit Neuordnung von Wissen und Gesellschaft umfassend revidiert, was sich insbesondere in den Zwischenkriegsjahren zum prägenden Merkmal avantgardistischer Ausstellungsarchitekturen in Europa und den USA entwickelt. Diese sollen als diskursive Schnittstelle zwischen Kunst und Architektur Ausgangspunkt des Dissertationsprojekts sein. Führende Künstler, Architekten und Kuratoren der Zeit (u.a. El Lissitzky, Ludwig Mies van der Rohe, Friedrich Kiessler, Herbert Bayer, Alexander Dorner etc.) stehen im Mittelpunkt des Projekts, das die ostentative Funktion von Ausstellungsarchitekturen im bildwissenschaftlichen Diskursfeld analysiert. Dabei werden Raum und dessen vielfältige Erscheinungsformen als eigenständige Bilder bestimmt, die im kulturtechnischen Wirkfeld des Displays wiederum Bilder generieren. Die Analyse dieser Bildlichkeit, die sich aus einer Mise en abyme des Zeigens und Wahrnehmens generiert, an Fragen der historischen Subjektbestimmung zwischen einer Ästhetik des Relationalen und prägenden Diskursen um Zeitgenossenschaft und Geschichtsschreibung zu binden, ist ein weiteres Interesse der Dissertation. Einerseits werden neue Erkenntnisse zur Ausstellung als Medium und Kulturtechnik um 1900 erwartet, dessen Beschreibung und Theoretisierung im Spiegel kulturindustrieller Entwicklungen und wahrnehmungspsychologischer Studien die oben benannten Reformbewegungen präziser verortet und den bisherigen Forschungsstand erweitert. Andererseits sollen Diskurse und Konzepte der Architekturgeschichte und –Theorie durch Überlegungen, die der kunstgeschichtlichen Methodologie verpflichtet sind, erweitert werden. Im Rahmen des Mediality-Moduls The Art of Display leistet die Dissertation somit den entscheidenden Beitrag, anhand bildwissenschaftlich determinierter Überlegungen die Geschichte des Ausstellens im frühen 20. Jahrhundert aus dem Diskursfeld um das Museum als »Repositorium der Vergangenheit« in eine multimediale Geschichte des Zeigens und des partizipatorischen Experimentierens mit Architektur und Wirklichkeit zu übertragen.

Dissertationsprojekt Daphne Jung

Neue Nachbarschaften. Georges de La Tours Gemälde im Sammlungskontext
Die Dissertation widmet sich den Gemälden des lothringischen Malers Georges de La Tour (1593–1652). La Tour wird in der Forschung gemeinhin als Sonderfall betrachtet: zu unkategorisierbar sind die ästhetischen Eigenheiten seiner Bilder, zu ungewiss ihr historischer Rahmen - nur zwei Gemälde lassen sich beispielsweise gesichert datieren, viele sind verloren, und auch zu den künstlerischen Wechselbeziehungen, den Auftraggebern, Sammlern und dem weiteren sozialen Umfeld des Malers ist wenig bekannt.
Um La Tours Gemälden aus ihrem isolierten Status zu verhelfen, möchte ich in meiner Dissertation jenen historischen Kontext in den Blick nehmen, in dem sie seinerzeit sichtbar waren, nämlich das Display mobiler Sammlungen des 17. Jahrhunderts. Die frühneuzeitliche Gemäldesammlung als Bilderwand folgt dabei bestimmten Prinzipien der Auswahl und Zusammenstellung, die viel über die Rezeptionsbedingungen ihrer Zeit aussagen. Unter anderem haben ihre Ordnungsmuster das vergleichende Sehen als Modus der Kritik maßgeblich hervorgebracht, und somit einen kunsthistorischen Diskurs, der die Ausdifferenzierung der Gattungen, historische und topographische Semantisierungen, sowie Reflexionen über Autorschaft und Stil wesentlich beförderte.
La Tours Gemälde in diesem Kontext zu betrachten, eröffnet neue Freiheiten hinsichtlich möglicher Vergleichsbeispiele: so ist es historisch durchaus legitim und gewinnbringend, seine Gemälde mit Stillleben und Landschaftsmalereien aus einem gesamteuropäischen Kontext heraus zu betrachten, ja sogar mit antiken Skulpturen und exotischem Geschirr, wie es sich in den Inventaren seiner Sammler findet, sowie ihre Rahmung, die Wandbespannung und die räumliche Situierung der Bilder mitzubedenken. Mit einer Einbettung von La Tours Gemälden in die plurale Bilderwand wird zudem deutlich, dass seine Eremiten und meditierenden Heiligen immer schon mit anderen Bildern ‹sozialisiert› waren und den Versuch, sich als möglichst ‹gute Nachbarn› zu erweisen, auch auf poetologischer Ebene reflektieren.