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NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
Y. Implosion
Y.1. Transgressionen und Implosionen mythischen Erzählens

Im Mittelpunkt des Projekts steht mit der Prosa-Edda aus dem 13. Jahrhundert, die dem isländischen Autor Snorri Sturluson (1178/79–1241) zugeschrieben wird, eines der zentralen Werke und der wichtigste sprach- und dichtungstheoretische Text der skandinavischen Literatur des Mittelalters. Die Beschäftigung mit der Prosa-Edda unter medialen Gesichtspunkten hat in den bisherigen Projektphasen immer wieder deutlich gemacht, dass eine mediologische Optik höchst perspektivenreich, bislang aber noch nicht systematisch genutzt worden ist. Aus diesem Grund soll die in der zweiten Phase unter dem Arbeitstitel ‹Mythologische Interferenz› entwickelte und im Hinblick auf Aspekte des Performativen hin ausgearbeitete Fragestellung in der dritten Phase in Bezug auf Implo- sionsphänomene fortgeführt werden. Dabei gilt es zunächst einmal, den Begriff der Implosion als mögliches Denkmodell für die Analyse von Medialität historisch zu fassen. Als eine Erweiterung des Konzepts der Interferenz sollte er sich eignen, einen Prozess zu erfassen, der darin besteht, dass in einer bestimmten medialen Form zu viel Inhalt/Material angehäuft wird und dieser Überschuss abgegeben werden muss, was zur Vermengung und zum Einsturz bestehender Konstellationen und Konzepte und dies wiederum zur Neuverhandlung der ‹Welt› und zur Errichtung neuer Wertevorstellungen führt. Die isländische Prosa-Edda bietet für eine derartige Analyse insofern ein hervorragendes Untersuchungsobjekt, als sie thematisch Anknüpfungspunkte für den Mythos und die Heldensage herstellt (also intertextuelle Bezüge zur Lieder-Edda schafft) und sich strukturell mit der sogenannten Skaldik beschäftigt (also nach den Funktionen von Dichtung unter neuen literaturhistorischen, sozialen und medialen Prämissen fragt). Gesamthaft kann die Prosa-Edda als ein Text bezeichnet werden, der sich mit Grenzen auseinandersetzt und über diese definiert. Ständig und in je wechselnden Konstellationen werden Grenzen des Medialen verhandelt und neu ausgelegt. Der Text diskutiert die Skaldik und damit simultan die Bedingungen, die gegeben sein müssen, damit ein Gedicht gelingt. Bemerkenswert ist die Komplexität, mit der diese poetologische, rhetorische und mediale Diskussion geführt wird. Indem sie die Skaldik erklärt, versucht die Prosa-Edda zugleich, diese traditionelle Kunstform aus einer anderen, heidnischen Zeit im Kontext der Erzählgegenwart des 13. Jahrhunderts zu erhalten.

Dissertationsprojekt Sandra Schneeberger

Aspekte literarischer Performativität in der aisl. Prosa-Edda

Die altisländische Literatur des 13. Jahrhunderts zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Vielfalt an volkssprachlichen Formen aus. Bereits sehr früh und auf ganz unterschiedliche Weise reflektiert sie in Dichtung (Skaldik und eddische Helden- und Götterlieder) und Prosa (Sagas und Grammatische Traktate) die eigene Sprache und die damit verbundenen Möglichkeiten des Erzählens. Dabei werden traditionell mündliche Literaturformen neuen Modellen von Erzählen und Sprachverständnis angepasst. Dies zeigt sich sehr deutlich in der sogenannten Prosa-Edda, dem wichtigsten sprach- und dichtungstheoretischen Text des skandinavischen Mittelalters. Auf äußerst komplexe Weise werden hier eine traditionell-mündliche Beschreibung der heidnischen Götterwelt und eine (christlich-)gelehrte Stil- und Verslehre ineinander verflochten.
Das Dissertationsprojekt zielt auf eine neue Lektüre der Prosa-Edda, die einen mediologischen Ansatz verfolgt und damit über thematisch-stoffliche und sprachtheoretische Zugänge zur nordischen Mythologie hinausgeht. Dieser soll nicht nur poetologische Verfahren offenlegen und das avancierte Medienwissen sichtbar machen. Er schließt auch die Frage nach Überlieferung und Kompilation der Texte mit ein und öffnet so den Blick auf die mediale Dynamik in der isländischen Literatur des 13. Jahrhunderts.


Prof. Dr. Jürg Glauser


Dr. Kate Heslop, Wiss. Mitarbeiterin
lic. phil. Sandra Schneeberger, Doktorandin