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NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
Y. Implosion
Y.7. Prekäre Dinge. Materialität und Schriftlichkeit in der Historiographie der Spätaufklärung und des Historismus

Die Geschichte der Historiographie am Wendepunkt zwischen Aufklärung und Histo- rismus beschrieb man bis anhin auf zwei Arten: als Verwissenschaftlichungsprozess oder als Wechselspiel zwischen Methodenbewusstsein und literarischer Ästhetisierung, beides Fälle von Geschichtsschreibung. Dem Projekt liegt die These zugrunde, dass die Wand- lungsprozesse um 1800 in einem komplexeren medialen Spannungsfeld stattfanden, dessen wesentlicher Aspekt der sich verschärfende Gegensatz von Schriftlichkeit und Dinglichkeit war. Deshalb setzt das Projekt bei den materiellen ‹Überresten› und histo- rischen Gebäuden an, die sich nicht einfach in die entstehende Geschichtsschreibung integrieren ließen. In der Formierungsphase der modernen Historiographie stellen sich die Fragen nach dem Verhältnis von Materialität und Medialität, Präsenz und Repräsen- tation, Deskription und Narration. Ziel ist es die zeitgenössischen Erklärungsmodelle zu beobachten, dazu zählt vor allem der Bruch zwischen Vormoderne und Moderne. Welche Auswirkungen hatten diese Modelle auf die Medientheorie, welche auf die Medienpraxis?
Der sichtbarste Ausdruck von Geschichtlichkeit im heutigen populären Bewusstsein sind alte Gebäude. Das Teilprojekt will nachzeichnen, wie mittelalterliche Dinge durch das 18. und lange 19. Jahrhundert zu epistemischen Dingen werden. Gebäude als Medien gele- sen, verortet diese zwischen Material und Narrativ – dies erlaubt die interpretierte Botschaft ‹Vergangenheit› vom Sender ‹Vergangenheit› zu unterscheiden, eine Differenz, welche die Rezipienten im 18. und 19. Jahrhundert je nach institutionellem, habituellem und konfessionellem Hintergrund unterschiedlich zogen oder verwarfen. Das medientheoretische Modell erlaubt es das sich wandelnde Handlungspotential der Gebäude selbst in den Blick nehmen. Als Hauptgegenstände des Projektes werden Gebäude mit Habsburger Vergangenheit untersucht: die Schlossruine Habsburg, Schloss Kyburg und das ehemalige Kloster Königsfelden. Nah beieinander, wurden sie als Habsburgerorte oft von Touristen und Kurgästen besucht, sie stehen aber, im Zuge der Typisierung von historischen Gebäuden, immer mehr für unterschiedliche Zeitmodelle und Vergangenheitsvorstellungen.


Dissertationsprojekt Nanina Egli
Gebäude als Medien von Vergangenheit: der Umgang mit materieller Historizität und Historisierung von Material (1714/1914)

Das Projekt untersucht, was mit alten Gebäuden und Gebäudekomplexen im 18. und 19. Jahrhundert passierte, wie sie genutzt wurden, wie man ihre Geschichtlichkeit und Geschichtenhaftigkeit wahrnahm – und davon ausgehend welche Handlungsspielräume Gebäude selbst hatten. Die Arbeit orientiert sich an Theoriemodellen zur Akteurschaft von Dingen und medientheoretischen Ansätzen. Diese sind keine unabhängigen Analy-seinstrumente der Jetztzeit, sondern müssen dynamisch als über die Jahrhunderte Entstehende interpretiert und rekonstruiert werden. Jenseits einer biographistischen Wissensgeschichte kann anhand der Rezeptionsgeschichte von Gebäuden eine Archäo- logie der materialfixierten Geschichtstheorie beobachtet werden, die sich in Abgrenzung zur Geschichtsphilosophie formiert. Gebäude als Medien gelesen, verorten diese zwischen Material und Narrativ – dies erlaubt die interpretierte Botschaft ‹Vergan-genheit› vom wirklichen Sender ‹Vergangenheit› zu unterscheiden, eine epistemische Differenz, welche die Rezipienten im 18. und 19. Jahrhundert je nach institionellem, habituellem und konfessionellem Hintergrund divergierend zogen oder verwarfen.