NCCR Mediality
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Bild des Monats Mai 2013:
«Ceci tuera cela»: tötet die Druckpresse die Kirche?

Medientheorie und Denkmalpflege teilen sich eine Urszene: in Victor Hugos 1831 erschienenem Monumentalwerk Notre-Dame de Paris zeigt der sinistere Archidiakon Claude Frollo in der Erzählwelt von 1482 mit einer Hand auf ein gedrucktes Buch, mit der anderen auf die Kathedrale und seufzt: «Ceci tuera cela.» In einem später hinzugefügten Kapitel erklärt Hugo seine These: Die Erfindung des Buchdruck sei das größte Ereignis der Weltgeschichte, die Presse töte die Kirche. Hugos Warnen vor dem Verlust mittelalterlicher Bausubstanz führte zur Restaurierung der Pariser Kathedrale durch Violett-le-Duc, was denkmalpflegerische Bestrebungen in ganz Europa motivierte. Marshal McLuhan synthetisiert Hugos Gedanken mit direktem Bezug in der Gutenberg-Galaxis: «Typography cracked the voices of silence».
Die Illustratoren bildeten die Buchszene selten exakt ab, welche zwischen Performanz, Prophetie und Epistemologie oszilliert, bildlich aber harmlos bleibt: ein Mann als Mittler zwischen zwei Dingen. Die eigentliche Kraft der Szene liegt in ihren Worten. Der Medienwechsel vom Text zum Bild zieht Dramatisierung nach sich. In einer Illustration von 1889 etwa ragt eine Druckpresse düster triumphierend wie ein Blutgerüst vor der zerfallenden Kirche, heruntergefallene Bücher ähneln abgeschlagenen Köpfen. Manchmal gleicht auch das Folterinstrument, das die Hauptfigur Esmeralda später im Roman zum Geständnis zwingt, einer Presse.
Aimé de Lemuds bildliche Übertragung von Hugos These, die hier gezeigt werden, ist subtiler als der Text selbst. Medienwandel ist bei Lemud keine Verlustgeschichte, sondern erschafft neues Medienwissen. Der lesende Frollo stützt sich beiläufig auf die Druckpresse, druckt damit nicht nur das 5. Buch mit Hugos Medien-Traktat, sondern auch die Kathedrale selbst. Die «voices of silence» brechen, wie es bei McLuhan heißt. Heißt das, sie sterben? Eine Antwort findet sich im gedruckten Buch, das Frollo liest: Glossen zu den Paulusbriefen des Petrus Lombardus, einem der wichtigsten Scholastiker des Mittelalters und Vorgänger Frollos im Amt. Die Glossen sind Reflektionen über die Geschichte kirchlicher Medialität. Prominent behandelt Lombard – Paulus widersprechend – das Schweigegebot für Frauen in Kirchen. – Dank Hugos Fürsprache im Druckwerk Notre-Dame de Paris bekam die schweigende, weibliche Kathedrale selbst eine Stimme, wurde das reale Gebäude renoviert und epistemisch zum handelnden Ding.

Victor Hugo: Notre-Dame de Paris. Â Ed. ill. d'apres les dessins de Daubugny ...[et al.] - Paris: Perrotin, 1844 (Vicaire; 4,260).

Nanina Egli