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Galerie-Bild

Bild des Monats Dezember 2015:

Ein Bild von Bildern


Dem an Google geschulten Blick mag das Gemälde von David Teniers (ca. 1651) gar nicht so seltsam vorkommen. Es handelt sich dabei um eines der Galeriebilder für Leopold Wilhlem von Österreich, die Teniers malte, als dieser eine Stellung als Statthalter der spanischen Niederlande hatte. Leopold Wilhelm war dabei insbesondere für seine Kollektion italienischer Gemälde berühmt, die er durch einen neuartigen Vermarktungstrick an die Öffentlichkeit brachte: er liess Teniers den ersten gedruckten und illustrierten Kunstkatalog stechen und darüber hinaus mindestens 11 solcher Galeriebilder anfertigen, die Leopold Wilhelm als diplomatische Geschenke an verschiedene europäische Höfe schicken liess. Teniers Serie wird dabei von allem Möglichen bevölkert: Gemälde überwuchern die Wände, auf den Schränken und Tischen tummeln sich Statuetten und ab und an flitzt auch ein Hündchen durch das Bild. Mittendrin ist immer Leopold Wilhelm zu sehen, der mit jeweils unterschiedlichen Gästen sein privates Sammelsurium bewundert.

Die seltsame Gattung des Galeriebildes, das Bilder im Bild zeigt, ist schon wenige Jahrzehnte vor Teniers’ Darstellungen aufgekommen. Wie Felix Thürlemann bemerkt hat, lässt sie sich als Reaktion auf eine andere Neuerung des 17. Jahrhunderts begreifen: die Entstehung privater Gemäldesammlungen, die als Assemblage unabhängig voneinander entstandener Einzelteile in ein übergeordnetes Bildsystem gefügt werden mussten. Entscheidend ist dabei die Frage nach der Ordnung dieses Systems. So war es gerade die Praxis der Bildzusammenstellung und ihrer vergleichenden Betrachtung, die im Laufe des Jahrhunderts die Ausdifferenzierung der Gattungen, die Historisierung von Schulen und die Identifizierung von Autorschaft, also die Praxis der Kennerschaft, ermöglicht hat. Über die realen Ordnungsmuster von Sammlungen des 17. Jahrhunderts ist leider wenig überliefert. Teniers Bilder sind nicht dokumentarisch zu lesen, aber dennoch als ›Ausdruck eines kombinatorischen Geschmacks‹ (V. Stoichita) ihrer Zeit. Ihr repräsentativer Charakter macht deutlich, dass dieser Geschmack ein öffentlich geprägter ist, der in Gesellschaft gebildet und diskutiert wird.

Ein genauerer Blick auf das gezeigte Bild lässt zudem so einiges Schräges hervortreten. Zum Beispiel hat das Gemälde, obwohl es Kennerschaft ausstellt, den merkwürdigen Zug, selbst geradezu stillos zu sein: ein Effekt, der sich dadurch einstellt, dass alles im Bild von derselben Hand, nämlich von Teniers, gemalt worden ist. Ein weiterer Nebeneffekt ist, dass die dargestellten Gemälde ihre Differenz zur Wirklichkeit des Bildraums verlieren: Kain und Abel in Bartolomeo Manfredis Gemälde wirken ebenso lebhaft, wie die Besucher der Galerie oder Ganymed und der Adler, die die Tischplatte halten. Als hätte sich die Fantasie eines veritablen Connaisseurs entfesselt, scheinen die Bilder lebendig geworden zu sein und in den Bildraum überzugreifen. Auch dieser Bildwitz nistet auf einer Reflexion über Kennerschaft – wenn auch auf Basis der Auslöschung ihrer primären Indizien, nämlich der individuellen Handschrift und sichtbaren historischen Differenz.



Bildnachweis:

Ausschnitt aus: Margret Klinge: Archduke Leopold Wilhelm’s Picture Gallery in Brussels, in: David Teniers the Younger. Paintings – Drawings, Antwerp 1991, S. 229 (München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, inv. No. 1841).


Daphne Jung