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NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
SR. Senior Researchers
SR.3. Gottes Wort und Zwinglis Wurst – Sensorische Ökonomie und mediale Signatur der Zürcher Reformation, 1500–1575

In meinem Forschungsprojekt wird die Zürcher Reformation als sensorisches Ereignis analysiert. Die menschlichen Sinne werden dabei als Medien verstanden, durch welche die theologischen, kulturellen und politischen Umbrüche der Reformationszeit in einer frühneuzeitlichen Stadtgesellschaft als Erfahrungen greifbar und kommunizierbar wurden. Jenseits theologischer Differenzierungen und Debatten, politischer Legitimationen und Konflikte sowie sozialer Verankerungen und Umbrüche erscheint der Fundamentalprozess der Reformation zunächst einmal als eine Transformation in der sensorischen Ökonomie der Zeit um 1500 und der daraus resultierenden Veränderung der medialen Signatur religiöser Erfahrung. Das Forschungsprojekt setzt sich daher zum Ziel, eine sinnesgeschichtliche Perspektive auf die Reformation zu entwickeln und diesen Transformationsprozess sowohl im diskursiven Setting zwischen spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Sinnesordnung als auch mit Blick auf die medialen, d.h. sinnesgebundenen Praktiken in Bezug auf das Heil und die durch religiöse Prozesse produzierten Soziabilität zu analysieren. In Erweiterung neuerer, vor allem angelsächsischer Forschungen zur historischen Anthropologie der Reformation (Robert W. Scribner, Ulinka Rublack, Susan Karant-Nunn, Andrew Pettegree u.a.) soll eine genuin reformatorische Medialität rekonstruiert werden, die als Kultur der sensorischen Persuasion verstanden werden kann. Herausgearbeitet werden soll der Wandel einer auf die Sinne gerichteten Aufmerksamkeitsökonomie, um die Opposition zwischen spätmittelalterlicher Schaufrömmigkeit und reformatorischer Sinnfixierung zu transzendieren und das Ganze der Reformation als eine multiple sensorische Ordnung sui generis in den Blick zu nehmen. Dabei gilt es, die normativen Vorgaben der Theologie verstärkt mit den sozialen Praktiken selbst zu konfrontieren, welche durch die reformatorischen Veränderungen affiziert wurden. Predigten, Visitationsberichte, Kirchen- und Gottesdienstordnungen, Selbstzeugnisse, Chroniken, Briefe und Rechtsquellen können helfen, das Bild eines reformatorischen sensescapes zu konturieren und in ihrer eigenen medialen Signatur hervortreten zu lassen.