NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
X. Ostentation
X.2. Schrift Medium Architektur

Das Teilprojekt thematisiert die Medialisierung des Bauens in der durch Industrie und Technik beschleunigten Medienkonkurrenz der Moderne (ca. 1890–1940) und konzentriert sich auf die spezielle Bedeutung von Literatur und Schrift für diese Medienrevolution. In der Belletristik und im Sachbuch, im Feuilleton und in der Fachpublizistik, in Ausstellungen und Mustersiedlungen, im Kino und in der Reklame formiert sich in diesen Jahrzehnten ein moderner Architekturdiskurs, der rhetorisch konzipiert, typographisch modelliert und schriftlich multipliziert wird. Untersucht werden typische Repräsentationsformen und Präsentationsstrategien, charakteristische Herkunftsnarrative und Geltungsansprüche sowie deren soziopolitische und ökonomische Bedingungen auf zwei exemplarischen Themenfeldern: dem Wohndiskurs und dem neuen Imaginationsraum U-Bahn. Die Debatte um das zeitgemäße Wohnen in der Moderne zeigt, wie die Reform des modernen Lebens durch architektonische Mittel von einer differenzierten Medienarbeit begleitet und oftmals begründet wurde. Und die Texte und Bilder über die U-Bahnen, die in dieser Zeit in den grossen Metropolen gebaut und ausgebaut werden, lassen erkennen, wie sich neue Mobilitätsbedürfnisse mit Ingenieurstechniken und Infrastrukturpolitiken medial zu einem urbanen gesellschaftlichen Imaginären verbanden. Auf beiden Feldern lässt sich die Situation in der ‹klassischen› Moderne unter medienästhetischen Gesichtspunkten schließlich auch auf gegenwärtige Tendenzen in der spätmodernen Informationsgesellschaft beziehen. Über die historischen Ergebnisse hinaus können so grundsätzliche Einsichten in die (im digitalen Zeitalter unterschätzte) Wirksamkeit des Mediums Schrift im Medium Architektur gewonnen werden.

Dissertationsprojekt Benedikt Tremp

Die diskursive Wirklichkeit der Berliner Untergrundbahn

Die elektrisch betriebenen Untergrundbahnen, die erstmals um 1900 in den wichtigsten Metropolregionen Europas und Amerikas entstehen, gelten als verkehrstechnische und stadtplanerische Novitäten von erheblicher gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Im deutschen Sprachraum nimmt hier die Untergrundbahn in Berlin, die 1902 ihren Betrieb aufnimmt, eine Vorreiterrolle ein. Nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in anderen, weitläufigeren Diskursen, darunter dem feuilletonistischen und literarischen, ist sie Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen. Als ‹Kollektivsymbol› (J. Link) wird sie zum Ort intermedialer und -diskursiver Verständigungen in politischen, fortschrittskritischen und architekturästhetischen Fragen, die sich u.a. in die zeitgenössischen Debatten zu Sozialstaat, Amerikanismus respektive Funktionalismus einschreiben. Darüber hinaus erwächst der U-Bahn aus dem Imaginationsraum ‹Untergrund› und den mit diesem verbundenen neuartigen Reiseerfahrungen (der Bewegung im Unterirdischen, der erhöhten Reisegeschwindigkeit, der sprunghaften Abstraktion des Reisens etc.) ein wirkungsvolles ästhetisches Potential. Dieses entfaltet sich primär in künstlerischen Medien und insbesondere im produktiven Zusammenspiel mit anderen Erfahrungs- und Erinnerungsorten (dem Bergbau, dem Krieg etc.) sowie in der interdiskursiven Integration ‹nicht-künstlerischer› Wissenbestände.
Im Vordergrund des Dissertationsprojekts stehen die Nachzeichnung und Erforschung jener textuellen Medialisierungs- und Diskursivierungsprozesse, welche die Erfahrungswirklichkeit der Berliner Untergrundbahn von der Zeit ihres initialen Auftretens bis in die ersten Jahre nach 1945 prägen. In Anlehnung an diskursanalytische Ansätze von Michel Foucault, Jürgen Link und Siegfried Jäger soll dabei eruiert werden, in welchen Wechselbeziehungen die verschiedenen Medienstimmen, vom technikwissenschaftlichen Beitrag über den journalistischen Bericht bis hin zum literarischen Feuilleton und dem expressionistischen Gedicht, stehen, über welche Kanäle sie agieren, wie sie auf historische Ereignisse reagieren und wie bzw. wo sich produktive Übertragungen und Überlagerungen zwischen ihnen ergeben.