NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
Y. Implosion
Y.3. Immediatisierung der Form. Grenzfälle christlicher Ästhetik

Das Teilprojekt rekonstruiert paradoxe Dynamiken einer ostentativen Immediatisierung der Form im Spätmittelalter. Im Mittelpunkt stehen Texte, die als Grenzfälle christlicher Ästhetik gelten können, weil sie im Akt des wunder tihten religiöse und ästhetische Rede auf spezifische Weise verschränken. Gerade die späten volkssprachigen Legendenromane überschreiten die Grenzen der etablierten Literatursprache (Lingua sacra), Gattungsgrenzen (Vita, Roman, Chronistik, Lyrik), Diskursgrenzen (feudalhöfische, klerikale), und sie überschreiten mit ihrem Anspruch einer paradox angelegten «kunstvoll kunstlosen» Kunst-Form nicht nur Stil- und Erzähltraditionen, sondern die basale Kult-Funktion von Heiligenverehrung überhaupt. Legendarisches Erzählen, so ‹schlicht› es sich selbst verstehen will, treibt im Unsichtbarmachen von Vermittlungsformen die Differenz von Vermitteltem und Medium umso auffälliger hervor – und läßt sie je neu in sich zusammenfallen. Eben diese Spannung, die legendarischem Erzählen den Anspruch auf eine gläubig-schlichte ‹einfache Form› von Anfang an bestreitet, kann den Akt und die Form des Erzählens geradezu implodieren lassen, was noch für neuzeitliche Legenden- experimente Gottfried Kellers oder Robert Walsers ironische Legendenminiaturen ein notorisches Interpretationsproblem ist.
Die Legendenepik-Autoren des Spätmittelalters geben sich alle Mühe, von heiligen Wundern, nicht von höfischer Minne zu erzählen, und tun es auf ihre Weise doch, wie schon Konrad von Würzburg sein hochgeblümtes Marienlob als ‹wilde› Liebesgeschichte Marias mit Gott erzählt und singuläre Form-Implosionen dabei erfindet. Schlüsselfragen des Teilprojekts sind: Welche religiösen, medialen und poetologischen Spannungen entstehen beim Erzählen von/vom Heiligen im Akt der narrativen Transformation des Wun- ders angesichts der ambivalenten Grundeinstellung der Legende zur Rhetorik? Wie kann die schwebende Aufmerksamkeit für oszillierende Sprechakte, ambivalente Form- und Autorschaftskonzepte legendarischen Erzählens methodisch kontrolliert beschrieben werden? Welche Überschüsse ergeben sich über eine von der Forschung vage ins Spiel gebrachte «Ästhetisierung» der Vorlagetexte hinaus? Wie lassen sich offene Formsemantiken zwischen Sinn und Klang (wiederholungsrhetorische, klangdominierte, allegorisch wuchernde Passagen) legendenpoetologisch integrieren? Diese generelle, von Fall zu Fall mehr oder weniger gut überspielte Konfliktkonstellation, die die Legende als Grenzfall christlicher Ästhetik ausweist, ist noch kaum erforscht. Das Teilprojekt zielt in gattungsübergreifender Sicht auf diese Beobachtungslücke (die auch eine Theorielücke ist). Angestrebt ist die historisch und systematisch möglichst prägnante Rekonstruktion der paradoxen Effekte einer ostentativen Immediatisierung der Form im Spätmittelalter.

Dissertationsprojekt Claudio Notz

Kunstlose Kunst? Legendarisches Erzählen an seinen Grenzen

Legendarisches Erzählen ist Erzählen an den Grenzen christlicher Medialität. Ein Grund dafür ist die immanente Paradoxie des ‹Gläubig-Schlichten›. Die Spannung zwischen dem hymnischen Ton der Heiligenverehrung einerseits, dem schlichten (‹demütigen›) Berichtstil der Acta Sanctorum anderseits, prägt die Legende als widersprüchlich ‹kunstlose Kunstform› von ihren spätantiken Anfängen an. Sie schlägt von Fall zu Fall auf die Textästhetik höchst widersprüchlich durch. Bereits die Entscheidung für volkssprachige Versifizierung oder für großepische Formate bedeutet einen heiklen Akt medialer Transgression. Legendarisches Erzählen, so ‹schlicht› es sich selbst verstehen will, kann im Unsichtbarmachen von Vermittlungsformen die Differenz von Vermitteltem und Medium um so auffälliger hervortreiben – und lässt sie je neu in sich zusammenfallen.
Das Dissertationsprojekt zielt auf die Frage, welche Spannungen im Akt der narrativen Transformation des ‹Wunders› angesichts dieser ambivalenten Einstellung der Legende zu Rhetorik und Formkunst auftreten können. Mit Hugos von Langenstein ‹Martina› und Rudolfs von Ems ‹Barlaam und Josaphat› stehen ästhetisch zugleich über- und unterdeterminierte großepische Legendenromanen des Spätmittelalters im Mittelpunkt der Untersuchung. Sie ergeben eine historisch und systematisch signifikante Textkonstellation, wird hier doch auf je verschiedene Weise der prekäre Form- und Wahrheitsanspruch legendarischen Erzählens (die unabschließbaren Begründungskonflikte und unendliche Verführbarkeit nicht nur der Heiligen, sondern auch der Erzähler) in paradoxen Operationen zugleich ostentativ vorgeführt, verborgen und transgrediert.
Die Dissertation rekonstruiert die poetologischen, performativ selbstwidersprüchlichen Effekte der ‹implosiven› Immediatisierung von Form, die immer wieder, in ein und demselben Text, Einfachheit in Komplexität umschlagen lassen kann und dabei auf verschiedenen Ebenen wirksam wird. Vielleicht kehrt die Legende als Erzählform auch deswegen so verblüffend variantenreich in der Neuzeit wieder. Ihre ästhetische Attraktion könnte mit dieser von Anfang an widersprüchlichen Gattungsdisposition zusammenzuhängen, mit ambivalenten literatursprachlichen, medialen, axiologischen Transgressionen, die sich als Referenzparadoxien und strukturelle Inversionen beschreiben lassen.
Berücksichtigt man für die genannten Kerntexte außerdem Überlieferungssymbiosen (Rudolfs ‹Barlaam› ist z. B. in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts zusammen mit religiösen Erzählungen bereits des frühen 13. Jahrhunderts überliefert, u.a. mit Konrads von Heimesfurt ‹Hinvart›), ergeben sich von der Forschung bislang unausgeschöpfte Vergleichslagen. Ergiebig ist auch ein Vergleich mit dem kaum beachteten sog. ‹Laubacher Barlaam› Ottos II. von Freising, der in die Aufbruchssituation religiös-weltlicher Erzählliteratur um 1200 gehört. Interpretiert werden müssten die genannten Texte erstmals genauer als Problemzusammenhang, als exemplarische Stationen in einem übergreifenden Prozess, dem das skizzierte vielschichtige Hintergrundproblem legendarischen Erzählens zu Grunde liegt.